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Schreiben mit besonderen Hilfsmitteln

Das Thema Drogen wird gemeinhin in der gesellschaftlichen Schmuddelecke verhandelt. Politiker, die eine Liberalisierung der Eigenbedarfsgrenzen oder selbst nur ein Nachdenken darüber einfordern, verbrennen sich die Finger, und das offene Eingestehen vom eigenen Drogenkonsum ist auch nicht gerade anerkannt.

Dass in Berufen, die viel Stress mit sich bringen, gerne mal die Leistung durch verschiedene legale und illegale Mittel gesteigert wird, ist bekannt. Dass auch an Unis gedopt wird, ist ebenfalls nicht neu. Laut einer Studie hat jeder fünfte Studierende während des Studiums schon einmal leistungssteigernde Mittel genommen, bzw. nimmt diese regelmäßig. Dabei geht es aber höchstwahrscheinlich vorrangig um erhöhte Aufmerksamkeit beim Lernen für Klausuren und nicht unbedingt um die Produktion von Texten. Aber genau diese Frage hat sich der Soziologie-Student Lukas Daubner 2013 gestellt: Welche Drogen werden bei der Produktion von Texten genommen und was für Effekte haben sie auf den Schreibprozess? Können sie Schreibblockaden lösen oder kreative Ideen befördern? Oder bewirken sie womöglich das Gegenteil?
Um der Beantwortung dieser Fragen etwas näher zu kommen, hat er mit einer Auswahl von Kommilitonen und Kommilitoninnen gesprochen und gefragt, wie deren Umgang mit Drogen vor dem und/oder im Schreibprozess aussieht. Ich finde, das ist ein nicht uninteressantes Thema, da eigentlich viel zu selten über den Schreibprozess gesprochen wird. Und über die Begleitumstände des Schreibens noch viel weniger.
Um möglicher Sensationsgeilheit den Wind aus den Segeln zu nehmen: es geht hier  um „weiche“ Drogen. Die Bielefelder Studierenden, mit denen Daubner zu tun hatte, ballern sich nicht mit Koks voll, wenn sie ihre Hausarbeiten schreiben. Zumindest redeten sie nicht darüber.
Zum Selbstbild vieler Studierender gehört eine Tasse Kaffee und ein Glas Wein in der Hand. Das Bild des Intellektuellen, der oder die abends bei einem Glas (meistens eher einer Flasche) Wein ein Buch liest oder sich geistig ergießt, ist weit verbreitet. Genauso der kaffeetrinkende Student. Die langen Schlangen vor den Kaffeeständen in der Unihallte deuten ebenso darauf hin wie die Kaffeeflecken, die den Uniboden schmücken.Beide Getränke gehören für viele nicht nur zum Selbstbild, sondern auch zum Schreibprozess. Nicht selten kocht man sich in den Semesterferien vor dem Schreiben einer Hausarbeit erst mal eine Kanne Kaffee – so Daubner aus Eigenerfahrung. Egal ob man müde ist oder nicht. Es ist eine Art Ritual.
Ähnlich ist es bei vielen Leuten, die lieber nachts schreiben. Ein Wein oder ein Bierchen gehören bei einigen selbstverständlich neben das Blatt Papier oder den Laptop. Die Gewohnheiten sind da aber sehr unterschiedlich. Lukas Daubner selbst kann damit kaum etwas anfangen, einige Studierende berichteten jedoch, dass sie am kreativsten sind und die besten Einfälle haben, wenn sie ein bis zwei Gläser Bier oder Wein getrunken haben. Sie erklärten das damit, dass das das Gehirn etwas entkrampft und die verschiedenen, störenden, Nebengedanken ausgeschaltet werden. Außerdem meinten sie, dass sie so vom Alltagsstress ‚runterkommen‘ können.
Fraglich ist, ob das Trinken der Getränke wirklich die beschriebenen Wirkungen hat oder die Ritualisierung desselben den gewünschten Effekt bringt. Und die Gefahr, dass nach dem zweiten Glas Wein zwar der Schreibfluss gesteigert wird, aber die Qualität des Geschriebenen leidet (analog zu der Beobachtung wie sich Gespräche unter Alkoholeinfluss verändern), ist auch nicht zu unterschätzen.
Interessanterweise gibt es unterschiedliches Konsumverhalten in verschiedenen Stadien des Schreibprozesses. Manche der Befragten rauchen gerne einen Joint, um auf gute Ideen für ihre Arbeit zu kommen. Sie erklären das unter anderem damit, dass sie dadurch fokussierter sind, und die Umwelt so weit wie nötig ausblenden können. Wenn sie dann aber ein Thema haben und anfangen zu lesen oder schreiben, würde ein Joint oder ein Bier sie total vom Arbeiten abhalten und gar nicht helfen.
Bei anderen ist es genau andersherum. Die Themenfindung klappt bei ihnen viel besser ohne jegliche Hilfsmittel. Aber um den fast abgeschlossenen Text zu überarbeiten und zu entwirren, hilft ihnen etwas Alkohol oder ein Joint. Dadurch würden sich die selbst produzierten ‚Knoten‘ im Text auflösen und die einzelnen Ideen beziehungsweise Argumente besser heraustreten, berichtete eine Befragte. Eine andere Kommilitonin erzählte, dass ihr das Transkribieren bei etwas Rotwein viel besser von der Hand geht, da ihre Fehlertoleranz dann steigt.
Nicht selten scheint auch das Saufen während des Schreibprozesses, um einmal den Kopf frei zu bekommen und sich eine kurze Pause zu gönnen. Außerdem hätte man dann am dem Besäufnis folgenden Tag eine gute Ausrede nicht arbeiten zu müssen, da der Kater zu stark ist. Quasi eine durch Alkoholkonsum legitimierte Arbeitspause!Interessanterweise hat keiner von den Personen, mit denen Daubner sprach, jemals stärkere Drogen genommen, um effektiver oder kreativer zu schreiben. Wenn es allerdings um das kreative Schreiben (etwa von Romanen) geht, scheiden sich die Geister, was den Einsatz von halluzinogenen Drogen anbetrifft. Verschiedene bekannte Autorinnen und Autoren berichten, dass sie die besten Ideen für ihre Handlungen unter Einfluss von LSD hatten. Dass solche Drogen auch beim Verfassen von wissenschaftlichen Texten helfen, ist aber schwer vorstellbar.
Vorsicht ist geboten, wenn es um pathologisches Verhalten geht. Die Anzahl von Studierenden, die mindestens ein latentes Alkoholproblem hat, ist erschreckend hoch. Nur 10% scheinen gar nicht zu trinken, und im Vergleich zur Gesamtbevölkerung trinken wir doppelt so oft große Mengen Alkohol. Der Umgang von Konsum und Schreiben verändert sich wahrscheinlich erheblich, je nach Gewöhnung. Wenn man nur nach einigen Gläsern schreiben kann, hat man wohl ein Suchtproblem. Geht es, wie hier geschildert, um kleinere Mengen, um sich zu entspannen oder um gute Ideen zu bekommen, ist das bestimmt hilfreich. Ähnliches kann über Cannabis gesagt werden. Wenn man nur stoned Arbeiten kann, ist das Konsumverhalten sicherlich pathologisch.
Hausarbeiten schreiben hat bei vielen auch immer etwas mit Selbstbetrug zu tun. Die Zeit die man vertrödelt bis man wirklich arbeitet, das stundenlange im Internet surfen, bis wirklich mal ein Satz gelesen oder geschrieben wird oder einfach das stumpfe Kopieren ganzer Absätze aus Quellen. Wer mit sich selbst ehrlich ist und sein Schreibverhalten – auch in Bezug auf Drogen – reflektiert, kann dadurch vielleicht Erkenntnisse gewinnen, die dem eigenen Schreiben und damit dem Ergebnis gut tun.